Block III ohne Putz, Türen und Fenster nach Einstellung der Bauarbeiten, um 1940. Nach 5 Jahren begann die Zerstörung des Rohbaus, wovon sogar Teile der Außenwände betroffen waren. Nach 10 Jahren setzten Wiederaufbau, militärische wie auch geheimdienstliche Nutzung ein. Das formgebende Stahlbetonskelett blieb.  © Archiv Harro Schack

KdF-Bad-Planung

Einst sollte Prora das größte Seebad der Welt werden - als eines von fünf geplanten Riesenbädern an der Ostsee. Vier dieser Bäder blieben eine Idee, nur in Prora wurde ein derartiges Erholungszentrum  auch in Angriff genommen. Die Konzeption nahm Architekturideen der 1920er Jahre (Neue Sachlichkeit/Bauhaus) auf und entsprach bis auf den übersteigerten Gigantismus und der nicht mehr zur Ausführung gelangten spezifisch nationalsozialistisch geprägten Mitte weitgehend dem Zeitgeist. Entsprechend konnte die Planung auf der Weltausstellung in Paris einen Grand Prix (1937) gewinnen. Jedoch schloss die „deutsche Volksgemeinschaft“ viele Bevölkerungsgruppen von den Vorzügen eines Urlaubs am Meer aus. 

Erste Bauphase: Planung und Baubeginn des Kolosses

Bis Mitte der 1930er Jahre waren die sogenannte Prora und die Schmale Heide ein unberührtes Naturschutzgebiet. Der Ort existierte zu jener Zeit noch nicht. Die für die Umsetzung des Projektes notwendigen Grundstücke wurden 1935 von Malte zu Putbus erworben. Die Grundsteinlegung erfolgte symbolträchtig am 2. Mai 1936, dem 3. Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften. Damals fiel ein ungeheures Vermögen in die Hände der Nationalsozialisten, was solch hochfliegende Pläne wie Prora erst ermöglichte. 

Der Grundstein wurde bis heute nicht gefunden. Auch die Baupläne des Architekten Clemens Klotz gelten als verschollen, während die Unterlagen des Chef-Statikers Adolf Leber 2018 aufgefunden wurden und aufbereitet werden.  © Kopie aus Archiv Harro Schack
 © Kopie aus Archiv Harro Schack

Beginn der Bauausführung

Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Führer der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Robert Ley, erteilte namens der Unterorganisation der DAF, „Kraft durch Freude“, dem Kölner Architekten Clemens Klotz (1886–1969) den Auftrag zum Bau des Riesenseebades. Begonnen wurde erst einige Monate nach der Grundsteinlegung, da ein nachträglicher, eher pro forma initiierter Architekturwettbewerb noch zu entscheiden war. Dabei wurde beschlossen, dem Bau eine monumental anmutende, repräsentative Mitte durch eine von Erich zu Putlitz entworfene Festhalle zu geben. Da sich die Baukosten bis zum Beginn des Krieges bereits mehr als verfünffacht hatten (von 40 auf 237,5 Mio Reichsmark), erfuhr der Entwurf noch kurz vor der Einstellung der Arbeiten einige Einschnitte. 

Die KdF-Baustelle vor Block III  © Kopie aus Archiv Harro Schack
 © Kopie aus Archiv Harro Schack
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Bausausführung Abschnitt Süd am Bau der geplanten Betenhäuser. Beteiligte Firmen.  © Seidel
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Bauausführung Abschnitt Nord am Bau der Bettenhäuser beteiligte Firmen.  © Seidel
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Planung KdF-Bau, nicht realisierte Gemeinschaftshäuser.  © Sammlung Archiv Harro Schack
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Der geplante KdF Winkelbau vor Block IV mit der nicht zustande gekommenen Festhalle.  © DenkMAL Prora
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Bezugsloser KdF-Torso vor Block IV.  © DenkMALProra

Neun Großfirmen eiferten um die Wette

Die Bauausführung (s.u.) begann Ende 1936 unter Bauleitung des Kölner Architekten Willi Heidrich. Bis zu 2000 Arbeiter waren mit den Bauarbeiten an der 4,5 km langen Anlage befasst. Über Zwangsarbeiter ist aus dieser ersten Bauphase bis zum Beginn des Krieges nichts bekannt. 1938 startete der Hochbau, bei dem die zum Teil noch heute namhaften Firmen in den Wettstreit traten. Neun Großfirmen eiferten um die Wette, acht davon teilten sich in den Bau von je einem Hotelblock. Im Oktober konnte an einem der Blöcke bereits das Richtfest gefeiert werden.

Hitler, der bekanntlich die Berge bevorzugte, war der Bau keinen Besuch wert, auch wenn gern behauptet wird, die Idee des Bades stamme von ihm.

Die Baumaterialien kamen hauptsächlich von der Insel Rügen. Ein Eisenbahngleis wurde von Lietzow nach Binz abgezweigt. Den Arbeitern fehlte es nicht an Einkommen und Vergnügen (Zeitzeugenerinnerung) (s.u.): So diente ihrer Unterhaltung eine große Halle, die in Garmisch-Partenkirchen bereits als Olympiahalle für den Eislauf Geschichte gemacht hatte.

Das meiste blieb ein hochtrabender Plan

1939 waren sieben der acht Blöcke sowie die Randbebauung des Festplatzes im Rohbau hergestellt. Der südlichste Block (in der heutigen Zählung 0) verfügte bis dahin nur über drei Etagen. Mit der repräsentativen Festhalle wurde nicht begonnen. Mit Kriegsbeginn wurden die Arbeiten weithin eingestellt. Schwimmhallen mit Wellenanlage, Essensräume, Cafèhäuser mit Strandblick, Kegelbahnen, eine Strandpromenade und ein Ableger für KdF-Schiffe gelangten nicht mehr zur Ausführung, Es ist bis heute nicht klar, inwieweit in den Blöcken bereits Installationen eingebaut werden konnten. Materialien sowie Einrichtungsgegenstände waren jedoch reichlich vorhanden und wurden später anderen Zwecken zugeführt. Bei den Sanierungsarbeiten ab 2012 konnten in den Liegehallen von Block II in den Beton eingelassene Rohrleitungen für Fußbodenheizungen festgestellt werden. In der Nachkriegszeit wurden stattdessen Öfen installiert, von denen zahlreiche Schornsteine auf dem Dach zeugten. In Block V, nördlicher Abschnitt, konnte eine Zentralheizung betriebsfähig gemacht werden.

Zeitzeugenerinnerung
„1937-1938 war mein Vater als Zimmermann auf der KdF-Baustelle in Prora beschäftigt. Wir wohnten im Ruhrgebiet. Da das Essen in der Bauküche nicht besonders schmeckte, hat mein Vater meine Mutter und mich nach Binz geholt, wir hatten dort eine kleine Wohnung und mein Vater besseres Essen. Ich bin dort zur Schule gegangen und jeden Tag in Binz zum Schwimmen in der Ostsee, es war eine schöne Zeit für die ganze Familie. Zu Beginn oder während der Vorbereitungen des 2. Weltkrieges wurde der Bau eingestellt und mein Vater dem Kriegsdienst zugeführt. Somit ging eine schöne Zeit in meinem Leben zu Ende.“
Eintrag auf der Plattform Fotoskizzen (2011)
Bauausführung

„In seinem Entwurf für Prora bildeten die Zellen insgesamt acht Blöcke von je 500 Metern Breite mit einer Höhe von sechs Stockwerken. Ein Flügel bestand aus vier aneinander gereihten Blöcken. Zwischen dem nördlichen und südlichen Flügel sollte ein zentraler Festplatz gebaut werden, auch dies war eine Vorgabe des Wettbewerbs. Insgesamt bildete die Anlage einen langen Bogen, der sich kurz hinter dem Strand auf einer Länge von knapp fünf Kilometern entlang der halbkreisförmigen Bucht erstreckte. Die Form der Anlage folgte dabei der natürlichen Form der Bucht von Prora. Diese Bucht ist landschaftlich im Übrigen sehr reizvoll, hat einen lang gezogenen und schönen feinsandigen Strand, das Wasser fällt flach ab. Die Urlauberzellen waren komplett zum Meer hin ausgerichtet und beinhalteten lediglich die Schlafräume, Waschräume und Toiletten sollten als Gemeinschaftsräume in den Treppenhäusern untergebracht werden. Diese Treppenhäuser stellten die Verbindung zwischen den einzelnen „Zellenblöcken“ dar. Der Entwurf folgte der Stilrichtung der „klassischen Moderne“. Er verfügt über eine zweckmäßige, rationale Architektur. Von der Form und dem Stil her ist der geplante Bau mit dem Flughafengebäude von Berlin-Tempelhof vergleichbar, das von dem Architekten Ernst Sagebiel entworfen wurde. Hitler gefiel dieser Stil nicht, er bevorzugte einen monumentalen, klassischen Stil, wie von seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer. Der Entwurf von Klotz wurde deswegen noch verändert. Auf dem zentralen Platz sollte eine monumentale Festhalle errichtet werden (…) Sämtliche Urlauber sollten dort einen Platz finden, um den zahlreichen Veranstaltungen des nationalsozialistischen Feierkalenders beizuwohnen.“

Zit. nach Sascha Howind, Die Illusion eines guten Lebens, 2013, S. 152 f.

Aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen zudem die die beiden Siedlungen, geplant für den Reichsarbeitsdienst (RAD), an der Nord- und an der Südstraße sowie die beiden Angestelltenhäuser an der ehemaligen Poststraße (Proraer Allee).

Ausschnitt aus dem baulichen Ensemble der beiden Reichsarbeitsdiens-Siedlungen. Quelle: DenkMALProra

Exkurs: Schein und Wirklichkeit

Der KdF-Wagen wurde in der Bevölkerung heiß ersehnt. KdF-Urlaube wurden jedoch nur von max. 20 Prozent der Bevölkerung in Anspruch genommen. Nach Prora reiste in der NS-Zeit kein einziger Urlauber.

Die KdF-Freizeitorganisation warb mit fertig eingerichteten Ferienzimmern, die in Wahrheit nie zur Ausführung gelangten. Mehr noch als mit Prora begeisterte der NS-Staat die Massen mit dem KdF-Wagen, hergestellt in Wolfsburg, und den Kreuzfahrten auf KdF-Schiffen. Eine Verknüpfung ist noch heute mit der 500 Meter breiten, ca. 80 Meter ins Meer hineingebauten Kaianlage am Strand des geplanten Festplatzes zu sehen. Geplant waren an den äußeren Schmalseiten zwei Seebrücken für die Anlandung von Schiffen. Von den repräsentativen Treppenzugängen zur Strandseite ist noch heute der südliche benutzbar.

Interessant ist von der Kaimauer aus der Blick auf die Bauruine des geplanten Gemeinschaftsbaus mit seiner sich anschließenden Pfeilerhalle, an der bereits ein Probestück des geplanten Kapitells realisiert wurde. Ihr Schmuck lässt sich nur erahnen. Die Halle sollte zu einer Vielzahl von öffentlichen Räumen führen, etwa zur geplanten Empfangshalle, die in der DDR zur Sporthalle ausgebaut wurde. Zum Meer hin wurde der Rohbau in den 1950er Jahren zu einer berüchtigten Arrestanstalt („Kartause von Prora“) umgestaltet, die bis 1970 in Betrieb blieb. In westlicher Richtung schloss sich einst der gewaltige Theaterbau an, der jedoch ein Stahlbetonskelett blieb und um 1950 als stalinistische „Festhalle“, das später sog. „Haus der Armee“, aufgemauert wurde. „Durch Demontage, Ziegelgewinnung und pragmatischen Um-und Ausbau nach 1950 ist die Bausituation stark verändert.“ (Lichtnau, 1992, S. 15)

An der nördlichen Flanke des „Festplatzes“ wiederholte sich die Baugliederung, wovon nach Sprengungen 1948/49 in der Hauptsache ein bezugsloser Winkelbau vor Block IV übrig ist. Materialien hatten zum Teil überdauert, manch bauausführende Firma war nach dem Krieg dieselbe wie vor dem Krieg. Daher ist fraglich, ob sich beispielsweise die historischen Treppengeländer in Block I an authentischen Vorbildern orientieren.

KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
KdF-Angestelltenhäuser, rechts als DDR-Bau aufgestockt.  © DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Haus der Armee um 1992.  © DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Zustand Kaffeehaus-Theaterbau vor DDR-Ausbau.  © Harro Schack
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Diskothek und KdF-Gedenkstätte nach 1990. In der DDR-Realität war Urlaub jedoch rar.  © DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Ausbau Ostsee-Ressort.  © binzprora Strandresidenzen
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Ensemble südliche Festplatzbebauung DDR-Ausbau.  © Archiv Harro Schack
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Ensemble südliche Festplatzbebauung mit Hotel um 2025.  © binzprora Strandresidenzen
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Detail: Südliche „Festplatzbebauung“ DDR-Kaserne.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Detail: Turnhalle in geplanter Empfangshalle.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Detail: Pfeilerhalle mit zwei fertigen Kapitellen.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Detail: NVA-Arrestzellentrakt auf Fundament für KdF-Gemeinschaftsbau 2015.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Detail: Arrestzellentrakt 2015.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Reste Kaianlage 2015.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Kaimauer 2015.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Geplante Kaianlage Ruine2015.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
NVA-Soldat an Kaimauer um 1975.  © Sammlung DenkMALProra
KdF-Bad-Planung | DenkMALProra
Fundament der nirgendwo vollendeten Gemeinschaftsbauten zwischen Block IV und V.  © Sammlung DenkMALProra

Nutzung im Zweiten Weltkrieg

Die Häuser für den Reichsarbeitsdienst (RAD) wurden am Anfang des Krieges vorübergehend als Unterkunft für militärische Einheiten der NS-Ordnungspolizei genutzt, seit 1942 dann als Unterkunft für Nachrichtenhelferinnen.  

Im Mai 1940 wurde das Bremer Reserve-Polizeibataillon 105 in Prora geschult. Die von hier aus nach Norwegen verlegte Ordnungspolizei war später am Völkermord in der Sowjetunion beteiligt. Weitere Einheiten etwa aus Dresden, Bottrop und Stettin folgten. Sie alle blieben nur kurzzeitig in Prora, wo  ab Juli 1942 auch Nachrichtenhelferinnen für die Kriegsmarine (sog. „Blitzmädel“) ausgebildet wurden. 

Der Koloss blieb derweilen ein Rohbau. Waren anfangs namhafte Firmen am Werk, so hatten nun Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die ins gesamte Deutsche Reich verschleppt wurden, den Bau abzudichten und kleine Abschnitte - man nimmt an etwa zwei Treppenhäuser des heutigen Blocks III sowie Block 0 – für ausgebombte Menschen bzw. Flüchtlinge herzurichten.