KDL - Spur der Unfreiheit | DenkMALProra KDL - Spur der Unfreiheit | DenkMALProra
Kontrolldurchlass (KDL) um 1994 © Sammlung Proraer Bausoldaten
Rezeption Jugendzeltplatz 2008 © DenkMALProra

KDL - Spur der Unfreiheit

Von dem ursprünglichen Kontrolldurchlass (KDL)  von Block V, wie ihn auch die Fall­schirmjäger kennengelernt haben, ist nichts übrig geblieben. Und dennoch steht mit der einstigen Rezeption des Jugendzeltplatzes ein ehemaliges Wachhäuschen vor uns: Hinter der schmucken Holzverkleidung aus dem Jahr 2007 verbergen sich authentische Wände, Terrazzofliesen und Arrestzellen. Das Gebäude stammt aus den Jahren 1988/89. Es wurde damals vor die alte KDL-Wache gesetzt, das Gelände dadurch vergrößert. Das ältere Wachgebäude verschwand im Rahmen des Jugendevents „Prora03“. 

Ein Flügel des Tores, Nahtstelle zwischen Freiheit und Unfreiheit, beabsichtigte DenkMALProra in die Bildungsarbeit zu integrieren. Es ist seit seiner „Sicherstellung“ durch die ehemalige Landrätin Kerstin Kassner (2009) verschwunden. Antworten auf Nachfragen gibt es nicht. Die Arrestzellen, die einst Bausoldaten für Bausoldaten errichten mussten, aber als solche nicht mehr benutzt wurden, sind im hinteren Teil des Gebäudes erhalten geblieben. Lange Zeit waren sie Bestandteil der Spaßkultur, ehe sie DenkMALProra unter Denkmalschutz stellen ließ.

Vor dem Kontrolldurchlass (vom Gelände aus betrachtet) bestie­gen  hunderte  Bausoldaten tagtäglich die LKW „W 50“, die sie zur Hafenbaustelle hinaus brachten. An den riesigen Kfz-Park rechts des Wachhäuschens erinnert nur noch der Betonplattenplatz, der aufgrund seiner Entstehungsgeschichte - Zwangsarbeit von Bausol­daten - ebenfalls in die Denkmalliste eingetragen wurde. Wie ging das Prozedere vor sich? 

Nach dem Wecken gegen 4 Uhr (im Winter 5 Uhr) und einem spartanischen Frühstück hatten die Bausol­daten in ihrer häufig zerlumpten Arbeitskluft aus Leinen (im Winter wattiert) zum KDL zu marschieren, wo die Zuordnung zu den Einsatzfahrzeugen vorgenommen wurde: „Pb7, KB 1, KB 2 …“, hallten die stets gleichen Aufrufe zu den Arbeitskommandos in den frühen Morgen. Auf den im Winter mit Eis überzogenen Pritschen ging es für 10-12 Stunden zum Tor hinaus und auf der kieferngesäumten Straße nach Mukran. Ehe die zivilen Arbeiter auf der Baustelle eintrafen, gaben sich die Ankömmlinge dem verbotenen Schlaf hin: „Ein eigentümlicher Anblick“, schildert der ehemalige Bau­soldat Thomas Brösing (Der Bausoldat. 2008, S. 94),

„alle versanken schnell in einen Dämmerzustand, man würde in Zukunft jede Gelegenheit nutzen, um zu schlafen. Wie sie da lagen, konnte man wirklich den Eindruck bekommen, es würde sich um Kriegsgefangene handeln, es kamen die Bilder aus meinen Geschichtsbüchern hervor, Zwangsarbeiter!“

Vor dem Kontrolldurchlass, seitlich des Tores eingezäunt, standen Holzbänke für Besuch aus der Heimat bereit. Da Ausgang selten war und es ein Besucherzimmer nicht gab, mussten Angehörige häufig hier begrüßt werden – unter den Augen der scharf gesicherten Wache. Trotz offizieller Ausgangsregelung im Jahr 1984 kam manch einer wochenlang nicht aus der Anlage hinaus. Mitunter nicht mal dann, wenn die von weit her angereiste Familie vor dem Tor stand. Thomas Brösing schildert eine Situation, die andere Bausoldaten ähnlich erlebt haben:

„Schließlich sind Sie hier nicht in einem Erholungsheim, wo mal jeder soeben vor die Tür treten könnte‘, gab ein Wachtposten einer weinenden Frau zur Antwort. Hier wurde klar, dass selbst Angehörige von Bausoldaten in diesem Land nicht zu den erwünschten Personen gehörten.“

Generell waren die Armeeangehörigen niederen Dienstranges froh, wenn sie die Wache ohne Beanstandungen passiert hatten. Taschenkontrollen waren an der Tagesordnung:

„In vielen Instruktionsstunden wurde uns vorgehalten, was alles bestraft werden kann usw. So war ich ganz schön unsicher, als ich das 1. Mal mit Ausgangskarte durch das Tor schritt.“ 
Zit. nach Stefan Wolter, Der „Prinz von Prora“, 2005.

Besonderheit aus der Bausoldatengeschichte – die Arrestzellen

„Ich blieb im KDL-Baukommando und beschäftigte mich weiterhin mit dem Ausbau unserer eigenen Arrestzellen“, schreibt Thomas Brösing über seine Tätigkeit in Prora im Herbst 1988. Im hinteren Bereich dieser einst von Bausoldaten errichteten Wache haben sie bis heute überdauert – die etwa 4 x 2 m großen Zellen, mit einer abklappbaren Pritsche, die am Tag stets hochgeklappt zu sein hatte. Der Grund für den Bau der Arrestzellen: Wenngleich das Bausoldatenkontingent nach der Fertigstellung des Hafens Mukran verkleinert werden sollte, beabsichtigte man auf die billigen Arbeitskräfte auf Rügen nicht zu verzichten. Die neue Wache mit den Arrestzellen demonstriert, dass Prora Bausoldatenstandort geblieben wäre – über das Jahr 1990 hinaus. 

Der Einzelarrest spielte eine tragende Rolle im repressiven System des Militäralltags. Rasch konnte der Kompaniechef bis zu drei Tagen Arrest aussprechen. Üblicher aber waren Ausgangs- und Urlaubssperren, mitunter bei geringsten Vergehen – etwa der Nichtteilnahme an einer Mahlzeit, das Lesen eines Buches auf der Baustelle, ein heimlicher Spaziergang dort etc. Das Strafmaß wurde willkürlich festgelegt, je nach Laune des Vorgesetzten. 

Eine Arreststrafe folgt auf größere Vergehen, etwa den Besitz eines Walkmans, einer Kamera, Ausgangsgebietsübertretungen (Aufenthalt war nur in Binz und Bergen gestattet). Weil das Gelände zunächst über keine eigenen Zellen verfügte, hatten die Bausoldaten in einer Zelle Richtung Prora-Ost „einzusitzen“ oder sie wurden nach Sellin und Dranske gebracht. All diese Verließe sind entsorgt, weshalb den erst im Sommer 1989 baulich vollendeten Arrestzellen eine symbolische Bedeutung zukommt. Eine der Zellen wurde 2014 auf Antrag von Denk-MAL-Prora in einem Gemeinschaftswerk des Förderkreises Proraer Bausoldaten e.V. und PRORA-ZENTRUM e.V.  sichtbar gemacht. Die Tafel weist ein Zitat des ehemaligen Bausoldaten Tobias Bemmann auf, der in die Arrestanstalt Sellin gebracht wurde. Mit Repression verknüpft ist auch der Bau des Plattenplatzes hinter den Arrestzellen – damals der Fuhrpark der NVA. Hier gerieten besonders fromme Bausoldaten in Konflikte wegen der nicht einzuhaltenden Sonntagsruhe – was sich später auf der Baustelle wiederholte.

Zeitzeugen berichten über ihre Ankunft in Prora
Ehem. Bausoldat Uwe Rühle, 1982: 
„Jeder spürt irgendwie den Symbolcharakter dieses scharf bewachten Tores. Es ist eine Grenze zwischen Freiheit und Unterordnung. All die liebgewordenen Menschen und Dinge bleiben da draußen, und drinnen warten Befehle, Dienstvorschriften, Demütigung, aber auch Bewährung und Selbstzucht. So mancher mag sich gefragt haben: ‚Werde ich es schaffen? Werde ich untergehen?‘ 

Das Tor schließt sich mit lautem Knall. Ein paar verstohlene Blicke zurück, und schon bald ist die noch immer sehr bunte Gesellschaft an der Turnhalle des Objektes angekommen.“
(Zit. nach Stefan Wolter, Geheimes Tagebuch eines Bausoldaten, 2015, S. 48.)
Ehem. Bausoldat Stefan Wolter, 1986: 
„Die Leipziger, dort drüben, diese bunten Vögel, die wohl schon damals manches besser wussten als die meisten von uns, ließen meinen Gang leichter werden. Stiller wurde, als das Kasernentor in Sichtweite rückte. Als es hinter uns krachend ins Schloss fiel, durchzuckte es mich: Jetzt haben sie uns. Und jetzt hatten sie uns. Jetzt wurden wir die Regimentsstraße hinabgeführt und ich erblickte ein nicht enden wollendes hellgrau verputztes Gebäude: die Kaserne. Vor ihr bogen wir nach links ab, und weiter ging es geradeaus, links der schwarz geschotterte Exerzierplatz mit Tribüne, rechts die Lichthöfe der Kaserne. Jeden Hof schmückte ein Propagandaschild. ‚Die DDR bis zum letzten Blutstropfen verteidigen‘, stach mir eines von ihnen wie ein Messer in die Augen.“
(Zit. nach Stefan WOLTER, Der Prinz von Prora, 3. Aufl. 2010, S.59.)
Ehem. Reservist Jürgen Haase, 1987: 
„Nach zweimaligem Umsteigen blieben im Zug nur noch Männer übrig. Gefährten, die ähnliche Aufgaben und die gleiche Kleidung erwartete, mit Trübsinn im Kopf und einem Schuß versteckter Erwartungsangst. Die aussteigende Menschenherde wurde von einem Leutnant abgeholt. Eisige Januarkälte und einsetzende Dunkelheit ohne Sterne erinnerten an eine Zeit vor elf Jahren: Im Gleichschritt ging es durchs Kasernentor. In Reihen hatten wir damals an einem Arzt und zwei Schwestern vorbeizumarschieren und wurden dabei angeleuchtet. 

‚Hose runter, Vorhaut zurückziehen!‘ 

Die beiden Schwestern kicherten, besonders, wenn der Militärarzt sagte: ‚Sie sind ein Schwein!‘ Es war ein menschenunwürdiger Militärakt, den ich nicht vergessen konnte. 

Urplötzlich erhob sich aus dem Dunkel vor uns ein gewaltiger Monumentalbau, eine endlose Betonsilowand. Soldaten liefen wie Ameisen hin und her. (…) ‚Was sind das hier für komische Kasernen?‘ 

‚Überreste von Adolf, Kraft durch Freude. Der Beton kann nicht mehr abgerissen werden, ist durch Wind uns Wetter nur noch härter geworden.‘ 
Ein widerlicher Gedanke, hier hausen zu müssen.“
Zit. nach Jürgen Haase, Hindernislauf, 1991, S. 200 f.
Ehem. Bausoldat Thomas Brösing, 1988: 
„Nachdem (in Bergen) alle verladen waren, wurde die Plane verschlossen und der LKW begann eine mörderische Hetzjagd in Richtung Prora. Durch einen Riss in der Plane konnte ich sehen, wie sich das Gelände um die Straße herum mit Stacheldraht einzäunte, die Armee vereinnahmte nicht nur mich, sondern auch einen großen Teil der Landschaft. Nach einer Fahrt von ca. zwanzig Minuten fuhr der LKW durch das Lagertor. 

Dieses Tor wird der Scheidepunkt sein zwischen der mir bekannten Welt und der NVA. Die militärische Bezeichnung lautete Kontrolldurchlass, kurz KDL. (…) Unvermittelt stoppte der LKW und die Plane wurde hochgerissen. Sofort stand ein brüllender Offizier gegenüber. ‚Alle runter vom Fahrzeug, alle runter vom Fahrzeug, in einer Reihe aufstellen. Na los!‘ (…) In einer Etage des grauen Gebäudes wurden die Fenster geöffnet und ein großes Gejohle setzte ein. Die ganze Fensterfront füllte sich mit Armeeangehörigen, deren vordringlichste Aufgabe darin bestand, uns Neue auf dem Hof zu begrüßen. (…) Waren das die berüchtigten ‚EK‘s‘, von denen der Mann im Zug erzählt hatte? Brüllend hielten sie Putzuntensilien aus den Fenstern und machten uns Ankömmlingen auf dem Hof klar, dass sie uns in Zukunft mit derlei Dingen betrauen würden. Einer der Offiziere unterbrach das Gejohle und klärte die Soldaten an den Fenstern darüber auf, dass wir Bausoldaten waren, sofort verloren sie ihr Interesse. ‚Schüppenschweine!‘ Sie wandten sich ab und verschlossen die Fenster. Ein kleiner dicklicher Mann, der schwitzend neben mir stand, zog an meinem Arm. ‚Das sind keine Bausoldaten, die hatten keinen Spaten auf dem Schulterstück.‘“
(Zit. nach Thomas Brösing, Der Bausoldat, 2008, S. 51f.)
Zeitzeugenbericht ehemaliger Bischof Gienke zu Besuchen am Tor
„Nach dem turnusmäßigen Ausscheiden aus dem Vorstand im Jahre 1986 übertrug mir die Konferenz der Kirchenleitungen weiterhin das Mandat zu Verhandlungen mit den staatlichen Stellen in Fragen des Wehrdienstes. In der Greifswalder Kirche waren auf Rügen und um Eggesin besonders viele Soldaten und auch Bausoldaten stationiert, sodaß ein solcher Auftrag nahelag. Auch mit dem Ministerium für Verteidigung ist es trotz vieler Bemühungen nicht zu direkten Gesprächen gekommen. Alle Probleme ließen sich nur über den Umweg des Staatsekretariats für Kirchenfragen zur Sprache bringen und verhandeln. Manche Härten konnten abgebaut werden, aber grundsätzlich schottete sich die Armeeführung von jedem Kontakt zur Kirche ab. Auf eigene Faust versuchte ich, mir einen Weg zu Bausoldaten innerhalb eines militärischen Objektes zu bahnen. Im Binzer Pfarrhaus traf ich zwar jährlich einmal eine Gruppe von Bausoldaten. Nach dem Gottesdienst in der Kirche nahmen wir uns einen ganzen Tag lang Zeit zum Gespräch miteinander. Es war wichtig, von den Bausoldaten unmittelbar zu hören, welche Sorgen und Freuden sie hatten. Stets aber hatte nur eine kleine Gruppe von ihnen Ausgang. Wie konnte ich nun mit anderen Bausoldaten in Kontakt kommen? Mit den staatlichen Gesprächspartnern auf Bezirksebene hatte ich nach vielen Mühen vereinbart, daß ich die Bausoldaten in Prora auf Rügen als Besucher an der Stelle sprechen könnte, wo Eltern und Verwandte ihre Angehörigen treffen. Alles war verabredet. Ich drang bis zu besagter Stelle mit den nötigen Passierscheinen vor und sah mit eigenen Augen, daß man sich hier nur unter freiem Himmel treffen konnte. Kaum hatten wir den Besuchertreffpunkt erreicht, als ein Hauptmann erschien, militärisch grüßte und vermeldete: „Herr Bischof, ich habe den Befehl, Sie aufzufordern, unverzüglich das militärische Gelände zu verlassen." Ein Gespräch war unmöglich. Ich mußte zusammen mit dem Pastor, der sich um die Bausoldaten ein wenig kümmerte und der mich hierher begleitet hatte, wieder abziehen. Was nützte es, daß ich mich in aller Form bei der Regierung beschwerte und alle staatlichen Ebenen sich der Reihe nach persönlich bei mir in Greifswald entschuldigten? Mein Wunsch, es nun wenigstens nach dieser frechen Entgleisung zu einer Begegnung mit der militärischen Führung oder den Bausoldaten in Prora kommen zu lassen, blieb unerfüllt.“
(Zit. nach Horst Gienke, Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs, Rostock 1996, S. 296f.)
Zeitzeugenbericht zur versäumten Sonntagsheiligung
„Inzwischen liefen die Arbeiten im Fuhrpark auf Hochtouren. Nun wurden auch am freien Freitagnachmittag sowie am Sonnabend und Sonntag Bausoldaten in größerer Anzahl zu diesen Arbeiten befohlen. So hatten manche das Vergnügen, trotz ihrer zwölfstündigen Arbeitszeit in der Woche, noch das gesamte Wochenende anzuhängen, und am Montag ging es dann weiter. Der Einsatz am Sonntag brachte natürlich sehr viel Unmut in den Reihen der Bausoldaten mit sich. Sie meldeten sich zu Gesprächen beim Kompaniechef an, um eine Verlegung der Arbeitszeit zu erwirken. 

Der Sonntag war ihnen als Christen heilig und sie wollten und durften an diesem Tag entsprechend ihres Glaubensbekenntnisses keine Arbeit verrichten. Die Antwort war wie immer die gleiche: »Befehl ist Befehl.«

So kam der Sonntag heran und keiner wusste so recht, was zu tun sei. Befehlsverweigerung einerseits bedeutete unter Umständen Arrest oder gar Militärstaatsanwalt. So versuchte man es nochmals im Guten. Die Einsatzleitung oblag jenem Offizier, der schon damals bei der Spendenaktion seine Einstellung zu Problemen der Bausoldaten bekundet hatte. Sie traten an ihn heran, versicherten ihre Bereitschaft, in Katastrophenfällen auch sonntags an Einsätzen teilzunehmen und baten nochmals um die Freistellung von dieser Arbeit, da es sich heute um nichts dergleichen handele. Er zeigte sich uneinsichtig.

»Die Fertigstellung dieses Objektes ist eine dringende Angelegenheit und wir müssen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln die Termine halten«, sagte er.

»Unser Glaube verbietet uns aber sonntags zu arbeiten und wir haben in unserem bisherigen Leben dagegen noch nicht verstoßen.«

»Ihr Glaube geht mich nichts an!«, war seine beleidigende und für einen Offizier der NVA doch recht unwürdige Antwort.

Sie drangen weiter in ihn. »Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik sichert uns in Artikel 20 völlige Glaubens- und Gewissensfreiheit zu und garantiert die freie Ausübung unserer Religion. Wie wollen Sie das vereinbaren?!«

»Lassen Sie mich doch mit Ihrer Verfassung in Ruhe …!«, entgegnete er wie zum Hohn und die Diskussion war beendet.

Widerwillig und entsetzt gingen die Jungs an die Arbeit. Einige arbeiteten zunächst demonstrativ langsam, was den Offizier nur noch mehr in Wut brachte und zu den finstersten Drohungen wegen der von ihm so empfundenen »Sabotage« veranlasste. Dann wurde resigniert und flüssig gearbeitet. Auch zu diesem Thema würde es wieder eine Menge Eingaben, Beschwerden und Gespräche mit Vorgesetzten geben, aber wer glaubte schon noch so recht an die Wirksamkeit solcher Mittel. Sie waren eben völlig rechtlos und ihr Wort galt nichts. Wohl wurde hin und wieder einmal mündlich unter vier Augen ein Fehler eingestanden, nie aber gab es offizielle Stellungnahmen und schon bald verlief alles wieder im Sand und es konnte von Neuem begonnen werden.“

​*

Auf der Baustelle: (…) Sechs Mann lehnten die Ausführung des Befehles ab. Sie beriefen sich auf die Verfassung der DDR und ihr Recht, ja ihre Pflicht, Befehlen, die gegen die Menschenrechte verstoßen, nicht Folge zu leisten.

Der Unterleutnant, der den Einsatz zu leiten hatte, war völlig aus der Fassung und holte sich zunächst Rat bei einem höheren Offizier. Als er wiederkam, machte er die Betreffenden auf den Tatbestand der Befehlsverweigerung aufmerksam und deutete die möglichen Konsequenzen an. Doch der Entschluss stand fest. Die restlichen gingen an die Arbeit und die sechs wurden in den Stab beordert.

Ein kurzfristig durch den Polit der Dritten einberufener Appell ergab dann folgende Situation. Der Offizier sagte: »Sicher wissen Sie, dass sechs Ihrer Mitstreiter heute zwei Mal die Ausführung eines Befehls des Kommandeurs verweigert haben. Der Kommandeur war da und hat ihnen zunächst eine Disziplinarstrafe von zehn Tagen Arrest erteilt. Am Montag werden sie dem Militärstaatsanwalt zugeführt, der sehr wahrscheinlich ein Verfahren einleiten wird. Es ist traurig, dass dergleichen in dieser Kompanie vorgekommen ist, aber wir werden damit fertig werden. Ich kann auch nicht verstehen, warum es diese Leute darauf anlegen, sich ihr Leben zu versauen!«

Die Kompanien durften wegtreten und es fiel kein einziges Wort. Alle waren total geschockt. Mit einer solchen Reaktion hatte wohl keiner gerechnet. Es wurden sechs neue Bausoldaten zum Dienst befohlen, die wohl unter dem Druck der Ereignisse nicht mehr die Kraft hatten, den anderen nachzufolgen. Sicher wäre es gut gewesen, doch: Wer wirft den ersten Stein? (…) Nun musste natürlich alles, was in der Macht der Bausoldaten stand, getan werden, um zu verhindern, dass diese Geschichte vor den Staatsanwalt kam. Es wurden zunächst alle Kirchenoberhäupter in der DDR informiert, denn es war sicherlich wirkungsvoller, wenn diese ihren Einfluss geltend machten, um bei den staatlichen Stellen um eine rein friedliche Lösung des Problems zu ersuchen. Sie erhielten einen knappen Situationsbericht, denn zu viel durfte man auch nicht sagen, um nicht den Tatbestand des Verrates militärischer Geheimnisse zu erfüllen. Für den Fall einer Gerichtsverhandlung wurde ein Rechtsanwalt informiert, dieser konnte sich natürlich erst dann einschalten, wenn es zu einer solchen kam. Bislang handelte es sich ja noch um ein Disziplinarverfahren. 

Darüber hinaus ging dann der größte Teil der Schreiben an staatliche Stellen, z. B. den Staatsratsvorsitzenden der DDR. Diese wurden größtenteils als Eingaben bzw. Anfragen verfasst. Man fragte, wie eine solche Situation zu lösen sei, wenn sie eines Tages den anderen träfe. Die Angehörigen der »Delinquenten« wurden schriftlich und zum Teil auch persönlich durch Urlauber des nächsten Wochenendes informiert. Es war also eine recht große Solidarität zu spüren, denn nicht zuletzt wurde dieses Opfer von den sechs Bausoldaten ja auch für die anderen und die kommenden gebracht. Unterdessen hatte man diese in Arrestanstalten untergebracht…
(Zit. nach Stefan Wolter (Hg.): Geheimes Tagebuch eine Bausoldaten in Prora, 2015, S.144f.)

Der Kontrolldurchlass mit Arrestzellen im Wandel der Zeiten 1991-2014

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Kontrolldurchlass (KDL) um 1992  © Sammlung Proraer Bausoldaten
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Kontrolldurchlass (KDL) um 1993  © Sammlung Proraer Bausoldaten
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Kontrolldurchlass (KDL) um 1994  © Sammlung Proraer Bausoldaten
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Kontrolldurchlass (KDL) um 1994  © Sammlung Proraer Bausoldaten
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Rezeption Jugendzeltplatz 2008  © DenkMALProra
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Die beiden Torflügel 2005 beiseite gestellt  © Stefan Gehrt Sammlung DenkMALProra
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Ein Torflügel zweckentfremdet 2009, später von Landrätin Kassner an unbekanntem Ort „sichergestellt“  © DenkMALProra
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Arrestzellentrakt im KDL mit Sichtfenster in Zelle 2014  © DenkMALProra
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Stele als Zeitsplitter des Förderkreises Bausoldaten 2014  © DenkMALProra
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Stele als Zeitsplitter des Förderkreises Bausoldaten  © DenkMALProra
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Tafel zum Erinnerungsbaum von Bausoldaten 2016  © Sammlung DenkMALProra
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Arrestzellentrakt 2009  © DenkMALProra
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Arrestzellentür 2010  © SammlungDenkMALProra
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Arrestzellen 2009  © Sammlung DenkMALProra
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Trotz mehrfacher Kritik von 2008 bis 2014 nur als Abstellkammer genutzt  © SammlungDenkMALProra
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Abklappbares Wandbett in der Arrestzelle mit Spielsachen der Jugendherberge 2010  © Sammlung DenkMALProra
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Arrestzellentrakt nach Einbindung in die Ausstellung Prora-Zentrum 2015  © Sammlung DenkMALProra
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Der unter Zwang entstandene Plattenplatz des einstigen Fuhrparkes um 2016, von wo aus die LKWs zur Baustelle Mukran fuhren  © DenkMALProra
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Blick aus dem Fenster Hof 8 über den Schwarzplatz Richtung Fuhrpark 1987  © Pflugbeil Sammlung Proraer Bausoldaten
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Fuhrpark 1985  © Rühle Sammlung DenkMALProra
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Blick auf den ehemaligen Fuhrpark 2008  © Sammlung DenkMALProra
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Noch immer dieselben Kiefern. Ausblick auf den ehemaligen Fuhrpark 2020  © DenkMALProra