Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Hof 11, heutige Jugendherberge, 1998 © Sonntag
Hof 11, Jugendherberge Prora 2011. © DenkMALProra

Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten

Im Januar 1982 rückte eine vom Militärstandort Prenzlau (PiBB 32) gestartete LKW-Kolonne (W50) in Prora ein - Vorkommando des in jenem Jahr gegründeten Pionierbaubataillons Mukran mit der angegliederten Baueinheit II, den sogenannten Bausoldaten. Die einstigen Kasernenräume der Fallschirm-Elitetruppe „Willi Sänger“ wurden somit zum größten Standort der Waffenverweigerer. Fortan eilte Prora der üble Ruf harter und mitunter gefährlicher Arbeit beim Hafenbau voraus. In Mukran entstand eine direkte Seeverbindung zwischen der DDR und der Sowjetunion - mit einem riesigen Güterumschlagplatz und Gleisbahnhof zum Umspuren auf die russische Schienenbreite.

Die Räume der heutigen Jugendherberge wurden ab 1982 zum unfreiwilligen Aufenthaltsort von Regimekritikern und Christen unterschiedlicher Couleur. Sie beherbergten Andersdenkende, die vielfach über Politik und Religion diskutierten und dabei Freundschaften schlossen, die über diese Zeit hinweg in Freundeskreisen andauerten. Die Kasernenräume wurden zu »Brutstätten oppositioneller Gedanken« und »zur Teststrecke für den aufrechten Gang«, wie es der Historiker und DDR-Oppositionelle Bernd Eisenfeld (1941-2010) formuliert hat. Bereits in den 1960er Jahren waren in Prora Bausoldaten – wegen ihres kleinen Spatens auf den Schulterstücken auch Spatensoldaten genannt – stationiert, von denen Impulse für die unabhängige Friedensbewegung ausgingen.

„Frieden schaffen ohne Waffen!“

Die Geschichte der DDR-Bausoldaten begann im Jahr 1964: Nachdem sich die DDR ab August 1961 durch den Mauerbau wirkungsvoll abgeschottet hatte, ging die SED-Führung von der heimlichen Aufrüstung zur rigiden Wehrpolitik über. Schon im Januar 1962 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die Alternative „Zivildienst“ gab es nicht. Widerstände, insbesondere im Raum der evangelischen Kirche, führten zum Kompromiss des unbewaffneten Dienstes in den Reihen der Nationalen Volksarmee.

Jedoch: Da in der DDR der Kriegsdienst als Friedensdienst galt, durfte es Verweigerer im „Friedensstaat DDR“ offiziell nicht geben. Das im Ostblock einmalige militärische Kuriosum ‚Bausoldat‘ hielt die DDR-Führung somit weitgehend geheim. Die Soldaten mit dem kleinen Spaten auf den Schulterstücken – daher auch „Spatensoldaten“ oder untereinander „Spati“genannt – galten dem DDR-Regime als ‚feindlich-negative‘ Kräfte. Berufliche Aufstiegschancen blieben vielen von ihnen versagt.

Das Spektrum der Ziele, Bausoldat zu werden, so fasst es der ehemalige Bausoldat Thomas Zimmermann zusammen:

„reichte vom christlich oder humanistisch-ethisch motivierten Pazifismus bis hin zu dem Ziel, mit dem waffenlosen Dienst ein Zeichen für Frieden und Abrüstung zu setzen, umfasste aber auch jene das System ablehnende Radikal-oppositionellen, die zwar jeglichen Waffengebrauch in der DDR-Volksarmee verweigerten, für einen Dienst in der Bundeswehr aber durchaus offen waren. […] Der Versuch der Integration in den Militärapparat musste sich geradezu kontraproduktiv erweisen, da wir die Wehrfähigkeit nie zu stärken vermochten. Wir waren und blieben vielmehr das ‚klappernde Schutzblech am Prunkwagen des Sozialismus und seiner Armee‘.“
Zit. nach Thomas Zimmermann, „Klapperndes Schutzblech am Prunkwagen des Sozialismus“, in: Heinz JANNIG u.a. (Hg.), Kriegs-/Ersatzdienstverweigerung in Ost und West, 1990, S. 273-282, hier S. 275.

Bausoldaten in Prora 1986-1988

Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Wehrdienstausweis  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ausgang in Binz 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ausgang in Binz 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ausgang in Binz 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ausgang in Binz 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Im Pfarrgarten Binz 1986, rechts ein ausländischer Militärkader, im Ausgang zivil  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Kreative, von einem Leipziger gestaltete alternative Ausgangskarte, 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Kreative, von einem Leipziger gestaltete alternative Ausgangskarte, 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
„Prinz von Prora“ in Binz 1986…  © Stadtherr Wolter
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…und im Zimmer in Prora, Block V, Hof 9, 1986  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Im Zimmer in Prora, Block V, Hof 8, 1988  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Zimmer in Prora (mit Nachtschrank) für Längerdienende  © Sonnntag Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Blick in eine Soldatenstube  © Sonnntag Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Auf der Baustelle Mukran, 1987  © Sammlung Proraer Bausoldaten
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Auf dem Hof des Versorgers Mukran, 1985  © Sammlung DenkMALProra
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Auf der Baustelle Hafen Mukran, 1987  © Biermann Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Im Ausgang 1986  © Hartmut Rademann
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Im Ausgang 1986  © Hartmut Rademann
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Im Ausgang 1986  © Hartmut Rademann

Hinzu kamen in den 1980er Jahren etliche Ausreisewillige, deren Arbeitskraft der Staat somit bis zuletzt ausnutzte. Vielen ehemaligen Bausoldaten war die Bewahrung der Schöpfung ein Herzensanliegen, weshalb sich etliche von ihnen in illegalen Menschenrechts- und Umweltgruppen engagierten.

Bausoldaten waren auf Rügen auch an anderen Orten in größerer Zahl (zum Beispiel in Sassnitz) stationiert. Die meisten jungen Leute schworen sich bereits bei ihrer Einberufung, Widerwillen zu zeigen und nur auf äußersten Druck hin den Befehlen zu gehorchen. Andererseits wollten sie den Vorgesetzten ihren grundsätzlichen Geist der Gewaltlosigkeit näher bringen.

Allerdings: Weil ihr Einsatz der NVA Geld einbrachte und der Alltag militärischen Prinzipien untergeordnet war, erschien die Entscheidung zum waffenlosen Militärdienst vielen ehemaligen Verweigerern als ein fauler Kompromiss. Die ersten in Prora stationierten Jahrgänge (seit 1964) wurden sogar mit dem Bau von Schießplätzen oder mit dem weiteren Ausbau der Kaserne beschäftigt. In dieser Zeit kam es bezüglich dieser Zwangsarbeiten bereits häufiger zu Befehlsverweigerungen und Eingaben, für die die Bausoldaten bekannt waren. So hatte Prora schon in den 1960er Jahren Strahlkraft auf die Bausoldatenbewegung insgesamt.

In den 1970er Jahren wurden Bausoldaten in der Technischen Unteroffiziersschule in Prora-Ost (Blöcke II und III) eingesetzt - und auch im Erholungsheim für Offiziere (Block I). Zeitzeugenberichte sind aus dieser Zeit nur sehr wenige bekannt.

Drei Phasen der Geschichte

Der Einsatz der DDR-Bausoldaten lässt sich in drei Phasen gliedern: Größeren Baueinheiten in den 1960er Jahren folgten aufgrund von Arbeitsniederlegungen und Gelöbnisverweigerungen dezentralere, weniger mit dem Bau militärischer Anlagen befassten Einheiten, ehe ab 1982 zur Unterstützung der Wirtschaft wieder größere Einheiten gebildet wurden, etwa in den großen Chemiebetrieben in Bitterfeld oder Schwedt, im Braunkohletagebau oder etwa zur Unterstützung des Fährbahnhofes Mukran.

Bausoldaten gab es in der DDR an insgesamt über 100 kleineren und größeren Orten, die der ehemalige Bausoldat Bernhard Wagner (1959-2020) zusammengetragen hat.

Orte, an denen Bausoldaten stationiert waren

Altenburg - Alteno - Bad Blankenburg - Bad Saarow - Bad Salzungen - Bärenstein - Bärwalde - Basepohl - Bautzen - Berlin - Bitterfeld - Blankenfelde - Böhlen - Brandenburg - Briesnig - Burg bei Magdeburg - Burg im Spreewald - Charlottenhof - Cottbus - Doberlug-Kirchhain - Dresden - Eggesin - Frauenwald - Fürstenwalde - Garz - Gera - Goldberg - Görlitz - Greifswald - Groß Köris - Groß Mohrdorf - Großröhrsdorf - Guben - Haide - Halle - Holzdorf - Kamenz - Karl-Marx-Stadt - Klosterfelde - Königs Wusterhausen - Korbetha - Kronskamp - Kroppen - Lehnin - Leipzig - Löbau - Lohsa - Marke - Merseburg - Müncheberg - Müritz - Neiden - Neubrandenburg - Neuseddin - Neustadt-Glewe - Niederlehme - Nünchritz - Oderberg - Ortrand - Ostritz - Pasewalk - Peitz - Pechern - Platkow - Premnitz - Preschen - Prora - Prenzlau - Rositz - Rostock - Rüdersdorf - Sassnitz - Schneeberg - Schwarzheide - Schwedt - Seelow - Selow - Spremberg - Stendal - Storkow - Stralsund - Strausberg - Tautenhain - Torgau - Torgelow - Trollenhagen - Ueckermünde - Waldsieversdorf - Walddrehna - Waren - Weberstedt - Weißkeißel - Weißwasser - Welzow - Wernigerode - Wiederitzsch - Wildpark West - Wittenberg-Piesteritz - Wolfen - Zirchow - Zittau - Zschorlau - Züllsdorf - Zwickau -

DenkMALProra hegte im Rahmen „50 Jahre Bausoldatenanordnung“ (2014) die Idee, im Umkreis all dieser Orte eine Veranstaltung durchzuführen und zusammen mit den Schulen/Kirchgemeinden jeweils einen Erinnerungs- bzw. Friedensbaum zu pflanzen. Ein paar Krumen der Erde sollten in einem Gläschen im geplanten Bildungszentrum Prora aufgestellt werden – als ein Symbol für die Orte, in denen die Spaten der Bausoldaten gruben – sowie auch als heutiger friedens- und umweltpolitischer Beitrag. Was damals nicht aufgegriffen wurde, kann noch immer werden.

Ein Akt der Schikane

Nur rund 15.000 junge Männer wählten bis zum Ende der DDR den Sonderweg „Bausoldat“. Mindestens ein Viertel aller ehemaliger Bausoldaten dürfte im Laufe der Jahrzehnte in Prora stationiert gewesen sein, zur Zeit des Hafenbaus Mukran (1982–1989) zeitweilig vier Kompanien mit insgesamt bis zu 500 Waffenverweigerern gleichzeitig in Block V – nördlicher Abschnitt.

Zum 18-monatigen Grundwehrdienst konnte bis zum 27. Lebensjahr einberufen werden. Ein Akt der Schikane war es, junge Männer erst dann einzuziehen, wenn sie bereits Familienväterwaren. Urlaub gab es grundsätzlich nur 18 Tage, verteilt auf 1 ½ Jahre. „Ausgang“ wurde in der Regel seltener als einmal pro Woche genehmigt – und nur in Uniform, im Umkreis von max. 3 km um das Militärobjekt herum. Dieser eingeschränkte Bewegungsradius erlaubte daher nur den Besuch von Binz und Bergen. Ausgangsübertretungen wurden nicht zuletzt von der patrouillierenden Militärstreife geahndet. Diese Situation wurde für viele junge Männer besonders schwer, zumal es üblich war, die jungen Leute aus dem Süden (Sachsen, Thüringen) in den Norden zu verfrachten und umgekehrt.

Im Gelände vor Ort hatten sich die Bausoldaten wie andere Soldaten auch, für 1 ½ Jahre mit den primitiven Unterkünften abzufinden:

„Pro ca. 20 Quadratmeter großem Zimmer für 6 Bausoldaten mit 3 eisernen Doppelstockbetten, einem Tisch und sechs Hockern als Inventar waren als Kür bis zu drei Topfpflanzen und ein gerahmtes Bild an der unverputzten geweißten Betonwand erlaubt.“
Zit. nach Hendrik Liersch, Der Gewalt ausgesetzt, auch ohne Krieg, zit. nach Virtuelles Museum Proraer Bausoldaten.

Die meisten Spatensoldaten waren zwischen 23 und 26 Jahre alt; manch einer älter als der kommandierende Vorgesetzte. Ihr Sonderstatus und die sensiblere Wahrnehmung und Reflexion der Vorgänge erhöhte den psychischen Druck der jungen Männer. Wie eine Analyse an der Universität Mainz herausarbeitete, wurde Prora zu einer sog. Totalen Institution und für viele zum Trauma. Bausoldat Thomas Brösing formulierte das so:

„Man muss Menschen nicht foltern oder körperlich misshandeln. 542 Tage Dauerdruck und ständige Drangsalierung sind da viel effektiver, mit einer unglaublichen Langzeitwirkung. Die Abschottung auf dem Armeegelände, die Monotonie unseres Alltages. Die sich immer wiederholenden Auseinandersetzungen und unendliche Zeit zum Nachdenken konnten einen Menschen zerstören. Einige von uns würden dieses Trauma niemals bewältigen.“
Zit. nach Thomas Brösing, Der Bausoldat, 2008, S. 151

An die Technik ließ man die als politisch unzuverlässig geltenden Spatensoldaten meist nicht heran. Sie hatten mit dem Spaten Hilfsarbeitertätigkeit zu leisten, wobei die Arbeit in Unterwasserglocken beim Bau des Fähranlegers Mukran besonders strapaziös und gefährlich war.

In der geringen Freizeit oder nach der Arbeit – im Zyklus Mittwoch-Mittwoch, häufig auch darüber hinaus, 10 bis 12 Stunden auf der Großbaustelle „Hafen Mukran“ – entstanden eine Reihe kreativer Arbeiten, in denen sich die ehemaligen Bausoldaten mit ihrer Situation, der Freude auf die Entlassung sowie ihrem friedensethischen und umweltpolitischen Anliegen auseinandersetzten. Die Idee einer Galerie dieser Arbeiten am authentischen Ort, in der heutigen Jugendherberge, wurde bislang nicht aufgegriffen.

Kreative Arbeiten Proraer Bausoldaten mit Bezug „Entlassung“ nach 1 1/2 Jahren

Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Blatt eines Entlassungskalenders  © Die „Kleine Galerie“ Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Blatt eines Entlassungskalenders  © Die „Kleine Galerie“ Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Blatt eines Entlassungskalenders  © Die „Kleine Galerie“ Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Blatt eines Entlassungskalenders  © Die „Kleine Galerie“ Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Entlassung  © Daniel Bilz Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Bergfest  © Daniel Bilz Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Entlassungstuch 1988  © Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Entlassungstuch 1987  © Sammlung Proraer Bausoldaten

Kraft durch den Glauben - Ora et labora

Viele der jungen Männer stammten aus Pfarrhäusern oder fanden in den Jungen Gemeinden der Heimat ein Fundament für ihre Einstellung „Frieden schaffen ohne Waffen“ mit dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“. Zeitweilig durfte in einem Winkel der Kaserne ein Chor zusammenkommen, auch Instrumente durften mitgebracht werden. Zum Ende der 1980er Jahre hin verschärfte sich die Situation wieder und all das war verboten. Verboten waren auch gottesdienstliche Handlungen in den Kasernenräumen. Diese wurden zumeist illegal durchgeführt. Der Glaube gab Kraft und Halt, die oftmals menschenunwürdigen Bedingungen durchzustehen. Manch einer erlebte zwischen dem Sonnenaufgang über der Prorer Wiek und der Tristesse des Kasernen- und Hafengeländes seine Bekehrung. „Ein (kleiner) Unteroffizier“, so erzählt es Karsten Bilgenroth im Virtuellen Museum Proraer Bausoldaten, „versuchte jeden Abend den Raum zu finden, in dem wir uns zur Gebetsgemeinschaft trafen. Meist saßen wir in einer der Kofferkammern zwischen stinkenden Arbeitsklamotten. Auf den Hinweis, dass es doch verfassungsmäßige Rechte – u.a. auf Religionsausübung – gäbe, wurde gesagt, dass Teile der Verfassung für uns während der Zeit des Wehrdienstes nicht gelten würden.“ Wiederholt setzten sich Bausoldaten unter Inkaufnahme von Arrest für die Einhaltung der Sabbat- bzw. Sonntagsruhe ein.

Gewichtiger Ort der Kirchengeschichte

Prora gehört zu den gewichtigen Orten der Kirchengeschichte. Etliche der gegenwärtigen Landes- oder Regionalbischöfe der EKD-Ost absolvierten in der DDR den Dienst als Bausoldat. Kein Pfarrhaus gab es in der DDR, das nicht mit dem Thema der staatlicherseits geforderten „Wehrbereitschaft der Jugend“ einerseits und dem Slogan der Friedensdekade von 1980 „Frieden schaffen ohne Waffen“ konfrontiert worden wäre. In Binz opferte sich das Pfarrerehepaar Lütke regelrecht auf, um den Bausoldaten und ihren Angehörigen Begegnungsraum und seelsorgerliche Betreuung zu geben.

Gedenktafel für die Proraer Bausoldaten in Block V mit dem Symbol „Schwerter zu Pfflugscharen“ aus der unabhängigen kirchlichen Friedensbewegung

1984 – Vorreiter der Aufdeckung des Wahlbetrugs 1989

Zur bedeutenden Zäsur in der Geschichte der Spatensoldaten von Prora wurde das Jahr 1984. Im Anschluss an die Kommunalwahl, bei der die Bausoldaten ihre Nein-Stimmen für die SED in einem Wahllokal im „Objekt“ Prora abgaben, konnten sie das veröffentlichte Ergebnis widerlegen. Die Staatsführung vertuschte diesen einmaligen Vorgang, der als Vorreiter der Aufdeckung des Wahlbetrugs 1989 und der Demokratiebestrebungen in jenem Jahr gilt.

Ins Jahr 1984 fällt zudem der Besuch des Armeegenerals Heinz Hoffmann, der erstmals die Arbeitsleistungen der Bausoldaten vor Ort würdigte. Das sorgte dafür, dass die Bausoldaten öffentlich nicht mehr restlos verschwiegen bzw. wie bisher als Drückeberger und Kriminelle verunglimpft wurden. Diese Sichtweise hatte man den ‚Waffendienenden‘ eingeredet, weshalb folgende Anordnung auf dem Gelände des heutigen Zeltplatzes galt:

„Die Bausoldaten sind bei allen kulturellen und sportlichen Maßnahmen vom übrigen Personalbestand zu trennen. Bei Kinoveranstaltungen sind getrennte Sitzreihen für die Angehörigen des Pionierbaubataillons und der Baueinheit 2 festzulegen. Ein Vorgesetzter der Baueinheit hat diese Festlegung bei jeder Filmvorführung durchzusetzen. Es sind getrennte Nutzungszeiten für die Truppenbibliothek fest- und durchzusetzen. […]“
Zit. nach Lothar Kühne, Virtuelles Museum Proraer Bausoldaten, 2007.

In den Räumen der Jugendherberge waren auch Baupioniere untergebracht. Zudem kennen Reservisten und etliche Zivilangestellte das Gelände, ebenso die Herren aus der „Gitteretage“ im 2. Geschoss. Dort lagen in Bereich Hof 10 die Räume der Stasieinheit („Verwaltung 2000“). All diese Menschen hinterließen Spuren im Gelände um Block V und wurden wiederum durch Prora ganz individuell geprägt. Mit dem Ort verbindet sich eine politische Geschichte, bestehend aus diesen unzähligen individuellen Erfahrungen.

Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra

Buchtipp!

Geheimes Tagebuch eines Bausoldaten in Prora: Courage in der Kaserne der heutigen Jugendherberge

Einige ehemalige Bausoldaten haben ihre Erfahrungen veröffentlicht; eine Systematisierung etliche dieser Erfahrungen findet sich im „Geheimen Tagebuch eines Bausoldaten in Prora“ (2. Aufl. 2015)

Darüber hinaus ist zu empfehlen: Prora-Zentrum (Hg.): Waffenverweigerer in Uniform, Rostock 2011.

Antwort eines Unteroffiziers aus Prora, der sich zu Dienstzeiten vor zwanzig Jahren degradieren ließ, auf das Buch "Der 'Prinz' von Prora"
"Ich bin hinabgetaucht in die Abgründe der Geschehnisse, wie du sie so eindrucksvoll schilderst, als würde 'man' diese noch einmal wieder und wieder erleben, als hätte das Damals nichts von seiner Kraft eingebüßt. (...) Ehrlich gesagt hat mich die Lektüre des von Dir verfassten Erfahrungsberichtes sowie die darin verarbeiteten Erlebnisse 'in Brand' gesetzt, denn all die Jahre danach war es nur ein Glutnest, das geblieben ist, resultierend aus dieser Zeit. Hinzu kommt das unstillbar gebliebene Verlangen, stellvertretend einem jener Menschen meinen ganz besonderen Dank auszudrücken dafür, dass mir die Menschlichkeit als Maxime für mein Handeln niemals abhanden gekommen ist, nicht einmal in der 'Hölle von Prora'. Ausgerechnet die allseits verunglimpften und auf vielfältige Weise, allein aufgrund ihres christlich geprägten Welt- und Menschenbildes Geschmähten waren es, die mir die Kraft gaben, das zu ertragen, womit ich während meiner 2 1/2 jährigen 'Dienstzeit' konfrontiert werden sollte. Ich lernte nicht nur sehen, sondern eben auch genauer hinzuschauen (...) Bei Euch fand ich durch die vielen kleinen Gesten, den von Mitmenschlichkeit, zum Teil auch von Barmherzigkeit getragenen, zumindest um die Bemühung darum gepflegten Umgang, den ich bei den normalen Wehrdienstleistenden lediglich einen Flurgang unter euch fast nicht oder wenn, dann nur sehr selten, begegnete. Und ich wurde Zeuge, wie die jeweiligen Vorgesetzten mit Euch 'umgingen', besser wohl umsprangen, wie sie euch schikanierten mit dem Anlegen von ABC-Schutzausrüstung auf dem Ascheplatz neben der Turnhalle gelegen, in der Gluthitze eines an sich herrlichen Sommertages! Auch wurde ich Zeuge während meiner Dienstzeit, wie sich ein Verzweifelter von Euch mit einem Sturz aus dem Fenster das Leben nahm, und wie von Seiten der Vorgesetzten alles versucht wurde, jegliche Trauerbekundungen zu unterbinden... Ich möchte, dass Du weißt: Es gab sehr wohl Menschen, die das miterleben mussten und denen man eines eben nicht nehmen konnte: die Menschenwürde (oder wenn Du so willst), die 'Lust am Leben!' Ich kann mich zwar nicht mehr an irgendwelche Namen erinnern, sehr wohl sehe ich aber die Gesichter derjenigen vor mir, die es gut mit mir meinten, die auch meine seelische Not nachempfinden konnten und die mich auch ohne zusätzliche Worte verstanden haben in jener schweren Zeit..."
Zit. nach Privatarchiv Stefan Stadtherr Wolter.
Viele Zeitzeugen im Virtuellen Museum Proraer Bausoldaten, darunter zum Ministerbesuch und den Kommunalwahlen 1984
Zeitzeuge Andreas Ilse

Ankunft in Prora​
Es war Anfang November 1983, eine Zugfahrt von Halle über Berlin, Greifswald, Stralsund, Lietzow nach Prora. Weiter weg von daheim innerhalb der DDR gab es nicht. Ab Stralsund wurde es im Zug leerer und leerer, bald saßen nur noch Männer mit Reisetaschen, Kartons und meist kurzen Haaren im Zug. Ich hatte ganz bewußt weder meinen Bart noch meine Haare, die lockig bis zur Schulter fielen, gekürzt. In Prora wurden wir von Uniformierten in Empfang genommen und eine endlos scheinenden Betonstraße entlang von Stacheldrahtzäunen geführt. Ein Tor öffnete sich und dann kam ein Gebäude, ebenso endlos wie die Betonstraße. Aber es ging nicht in dieses Gebäude, sondern wir wurden in ein Gebäude gegenüber geführt – in die Turnhalle. Hier saßen und standen schon andere Männer, an einem Tisch wurden die Personalien aufgenommen und man wartete, wartete. Als es schon dunkel war, wurden Namen ausgerufen und in kleinen Gruppen ging es in die Kaserne gegenüber. Bis spät in die Nacht mussten wir an diversen Türen und Öffnungen anstehen, um Uniformteile in Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, umgehend meinen Bart abzurasieren. Zum Glück traf ich im Waschraum jemanden, der wusste, wie man mit Schaum und Nassrasierer umgehen musste. Mit fünf weiteren Männern bewohnte ich eine „Stube“, ich war mit 22 der Jüngste im Zimmer. ​
Haare ab, Bart ab, Eingesperrt in eine Kaserne, Einkleidung und Uniformierung, die Zivilsachen mussten nach Hause gesandt werden – Pfiff – Heraustreten zum Frühsport – Augen geradeaus – rechts um – ganze Kompanie Marsch…​

Der Wahnsinn wird zum Alltag​
Der Bruch zwischen selbst bestimmten zivilem Leben und Soldatsein hätte kaum größer sein können. Plötzlich verbrachte ich mit sechs Männern in der Kasernenstube die Nacht, musste als erstes nach dem Aufstehen mein Bett machen, Turnsachen anziehen, im Frühsport in Kompaniestärke durch das Kasernengelände rennen. Der gesamte Tagesablauf wurde mittels Befehl durch Vorgesetzte geregelt, Anzugsordnung, Ausbildung, Mahlzeiten, Nachtruhe, Lichtschluss. Ständig brüllte es durch Flure und übers Kasernengelände. Neben der psychischen Belastung, einen wenn auch unbewaffneten, dennoch Dienst als Soldat fern der Familie und Freunde leisten zu müssen, kam die physische Belastung. In den ersten Wochen wurde die so genannte militärische Körperertüchtigung durchgeführt, Ausdauerläufe, Marschier- und Exerzierübungen, Gewaltmärsche, ständiges Üben von militärischen Meldungen und militärischem Grüßen. Mann war von früh bis abends auf den Beinen, für viele eine völlig ungewohnte Belastung. Wenn Zielvorgaben nicht erreicht wurden, drohten Sanktionen und Strafen, da wurden Übungen bis in die Nacht hinein fortgesetzt. Die Tage und manchmal auch Nächte wirkten wie ein Alptraum.​
Militärische Dienstvorschriften wurden uns nahe gebracht und sogenannte APIs abgehalten, Aktuelle Politische Informationen. Oberleutnant Porath, der Kompaniechef der 2. Kompanie, wirkte verträglicher als manch anderer Vorgesetzter. Aber auch mit ihm war nicht zu spaßen, denn das Militär ist ein ernsthaft Ding, Disziplin und Ordnung standen an erster Stelle.
Verbotener Weise gab es Kontakte zu älteren Bausoldaten, die eine Etage über uns wohnten und wußten, wie der Hase läuft. Trostreicher Zuspruch und kleine Tipps halfen im Alltag, konnten aber das Grundproblem nicht lösen – dem unfreiwilligen Aufenthalt bei der Armee. Ausgang und Urlaub sollten wir angeblich nach Dienstvorschrift erhalten, zweimal im Halbjahr heimwärts zu Frau, Kind und Familie. Ausgang sollte es nur als Belobigung geben, drei Bausoldaten von 90 am Sonntag, um einen Gottesdienst besuchen zu können. Schlimmstenfalls dauerte es 30 Wochen, um die Insel im „Standortbereich“ für einen halben Tag kennen lernen zu können. Am ersten Sonntag durften wir aber „dafür“ gemeinsam einen Rundfunkgottesdienst von Radio DDR 1 hören. ​
Bis dato kannte ich zwar evangelische und katholische Christen, sogar Methodisten hatte ich kennen gelernt. Hier in Prora traf ich unter den Bausoldaten neben einigen „Nichtchristen“ auf eine bunte Schar verschiedenster Christenmenschen, von deren Glaubensgewohnheiten ich zuvor noch nie gehört hatte. Baptisten, Adventisten, Brüdergemeine und Elimgemeinde gab es vielleicht auch in Halle, aber für mich nicht sichtbar. Im Nachbarzimmer „wohnte“ Andreas, ein Prediger der Adventgemeinde. Wie ich von ihm erfuhr, gab es bei ihnen besondere Speisevorschriften und das Sabbatgebot. Nicht der Sonntag, sondern der Sonnabend war der Tag, an dem nicht gearbeitet werden durfte. Schon nach drei Wochen führte dies zum Eklat, denn 5 adventistische Bausoldaten unserer Kompanie verweigerten die Ausbildung mit dem Hinweis, diese am Sonntag nachholen zu wollen. Da kannte weder der Kompaniechef noch der Chef der Baueinheit noch der Kommandeur ein Pardon, der letztgenannte forderte sogar ein Militärstrafverfahren mit Haft in der Disziplinareinheit Schwedt. Am Ende mussten die adventistischen Brüder „nur“ für mehrere Tage in Arrest. Die Glaubens- und Religionsfreiheit endete hier am Kasernentor, denn dahinter zählten nur Befehl und Gehorsam. ​

Alltag in Prora​
Den ersten Urlaub erhielt ich Weihnachten 1983, die Bausoldaten mit Kindern sollten Weinachten und die Kinderlosen Silvester in den Urlaub geschickt werden. Gegen Mitternacht kam ich in Halle an. Meine Frau Marion erkannte mich erst nicht und verwechselte mich mit einem anderen Bausoldaten, der ebenfalls in Halle aus dem Zug stieg. Meine Tochter, knapp ein Jahr, erkannte mich am nächsten Morgen, bartlos und mit kurzem Haar, nicht wieder und fremdelte, das Wort Papa sollte sie erst nach der Bausoldatenzeit lernen. Für diesen Urlaub konnte ich die Kaserne zum ersten Mal verlassen, zuvor hielt ich mich nur im Kasernengelände oder auf der Baustelle auf, die ja ebenfalls in einem Sperrgebiet lag. Der Ostseestrand, vom Kasernenfenster nur zwei Steinwürfe entfernt, durfte nicht betreten werden – da dieser gleichzeitig Landesgrenze zum Feindesland war. Nur zum Frühsport unter Begleitung eines Zugführers rannten wir hin und wieder am Strand entlang. Andere Kompaniebereiche durften ebenfalls nicht betreten werden und schon gar nicht die zu waffentragenden Soldaten. Man durfte in der wenigen Freizeit nur zum Gang in die MHO (Militärische Handelsorganisation – ein kleiner Laden innerhalb des Kasernengeländes im Block V), zum Sport (Turnhalle oder Ascheplatz) oder zum Kino in der „Holzoper“ (eine kinobestuhlte Holzbaracke neben dem Kontrolldurchlass) mit Abmeldung den Kompaniebereich verlassen. Und wie angekündigt durften jeweils drei Bausoldaten sonntags die Kaserne verlassen, bis zum September 84 gehörte ich nicht zu den Privilegierten! Doch das größte Druckmittel war der ersehnte Heimaturlaub. Neben Sonderverrichtungen (Strafarbeit) war dies die geläufigste Bestrafung und nur wenige ließen sich hiervon nicht beeindrucken. Zum Glück traf mich diese Bestrafung nur einmal. Eine vergessene Kaffeetasse auf dem Fensterbrett führte zu einem Rapport beim „Spieß“, eine gravierende Ordnungswidrigkeit, denn wenn man das Zimmer verließ, mussten sich alle privaten Gegenstände im verschließbaren Fach des Spindes befinden. Dreimal musste ich dabei das Zimmer des Vorgesetzten betreten und wieder verlassen, denn meine Meldung war jeweils nicht korrekt. Dann zog er für die restliche Dienstzeit die Tasse mit dem Hinweis, bei meiner Entlassung diese wieder in Empfang nehmen zu können, ein. Aus Ärger verabschiedete ich mich beim Herausgehen mit einem leisen „Arschloch“, doch er hatte bessere Ohren als ich dachte und jetzt bekam ich die „verdiente“ Strafe: Streichung eines fürs Wochenende geplanten Heimaturlaubes. Eine Arrestzelle oder gar das Militärgefängnis Schwedt brauchte ich während der 18 Monate nicht von innen sehen, weil die „offene“ Widerständigkeit von mir vermeiden wurde. ​

Bausoldaten in der „Taucherglocke“​
Nach der zweiwöchigen Grundausbildung und dem Gelöbnis, dass ich mit einer schriftlichen Erklärung gegenüber dem Kompaniechef, es aus Gewissensgründen nicht mitsprechen zu können, sprachlos über mich ergehen ließ, ging es zum ersten Mal mit dem IFA W50 raus aus der Kaserne nach Mukran bzw. besser gesagt auf ein ungepflügtes Feld weit weg vom Meer. Wir wussten zwar, dass hier ein Hafen gebaut wird, was aber letztendlich an dem jeweiligen Einsatzort entstehen sollte, wurde uns nicht gesagt. Ein Bauwagen stand mit einem Zivilarbeiter bereit, der uns Spaten, Schippe und Kreuzhacke zuwies und zeigte, wo im Novembermatsch gegraben und geschachtet werden sollte. Wir kamen da zum Einsatz, wo Technik nicht bereit stand. Kabel- und Abwassergräben mussten in die abgeernteten Felder geschachtet werden. Die Entwässerung des Baugeländes wurde vorangetrieben, Betonrohre in die Gräben verlegt. Die Abwässer wurden, von Baumaschinen ölgetränkt, Richtung Naturschutzgebiet Wostewitzer Teiche geleitet. Die Ölabscheider wurden erst später gebaut. Der Zugführer, ein Unterleutnant, kontrollierte, ob die Aufgaben kontinuierlich erledigt wurden. Je schlechter aber das Wetter wurde, umso seltener ward dieser gesehen.
Im Januar, Februar 84 kam es zur Verlegung zahlreicher Bausoldaten in andere Kompanien, so kam es, dass ich die verbleibenden 15 Monate in der 1. Baukompanie bei Hauptmann Längert verbringen musste. Seine Schirmmütze in den Nacken geschoben, NVA-Reithosen in den Stiefeln, wirkte er eher wie ein Wehrmachtsoffizier aus einem Kriegsfilm.
Wenige Tage nach der Verlegung wurde ein Teil der Kompanie zu Untersuchungen ins Militärkrankenhaus nach Stralsund gebracht. Herz-Kreislauf-Untersuchungen, man sollte unter Beweis stellen, wie viel Luft man in ein Röhrchen blasen konnte. Eine besondere Tauglichkeit wurde untersucht, zu welchem Zweck wussten wir aber nicht.​
Nach zwei Wochen hellte sich die Angelegenheit auf. Alle, die diese Tauglichkeitsuntersuchung bestanden haben, sollten im Zyklus (10 Tage Baustelle, 4 Tage Innendienst) im Chaisson eingesetzt werden. Die Seepfeiler an den zukünftigen Anlegedocks wurden mittels einer besonderen Technologie in den Meersboden versenkt. In einer „Betonglocke“, die mittels Druckluft auf einer im Meer angelegten Sandaufschüttung aufgebaut wurde, sollten diese Bausoldaten in den Meeresboden auf eine Tiefe von 20 Metern „eingraben“. Mangels funktionierender Baggertechnik wurden diese Schachtarbeiten per Hand erledigt werden. Etwa 10 Bausoldaten und zwei Zivilbeschäftigte wurden pro Seepfeiler und Schicht benötigt. 4 Uhr 15 wurden wir geweckt, marschierten zum Frühstück in der Kaserne, um dann gegen 5.30 Uhr auf der Baustelle zu sein. Von 6 bis 18 Uhr hieß es dann unter Druckluft in der „Glocke“ Schicht für Schicht Sand, Ton und Meeresgestein weg zu graben und mittels Laufkatzen und einem elektrischen Aufzug den Meersboden aus dem Inneren dieser „Glocke“ nach oben und draußen zu befördern. Nach 50 Minuten Schachtarbeit wurde eine kurze Pause gemacht, während dieser wurde Druckluft abgeblasen. Der Betonpfeiler (etwa 12 x 8 Meter breit und in der Endphase über 20 Meter tief) senkte sich Zentimeter für Zentimeter, nun wurde nur noch aufgepasst, ob er auch senkrecht in den Meeresboden absank. Dann wurde der Druck wieder erhöht, der Pfeiler kam zum Stehen und es wurde weiter geschachtet. So buddelten wir Stunde für Sunde den Seepfeiler ein halbes Jahr in den Meeresboden. Je tiefer dieser sank, umso höher musste der Luftdruck und dementsprechend länger die Einschleus- und Ausschleuszeiten sein. Da die Zivilbeschäftigten nach Leistung bezahlt wurden, versuchten diese, die Schachtzeiten so weit wie möglich auszudehnen und die Schleusezeiten entgegen den ausgehängten Arbeitsschutzbestimmungen zu verringern. So kam es, dass eines Tages ein Bausoldat aus meinem Zyklus die so genannte Drucklufterkrankung mit höllischen Schmerzen in den Gelenken bekam. Trotz erneuter Schleuseprozedur in der Druckkammer und verlängerter Druckanpassung litt er während der gesamten Armeezeit noch an diesen Schmerzen und konnte im Chaisson nicht mehr eingesetzt werden. ​
18 Uhr war Arbeitsschluss und danach ging es wieder nach dem Ausschleusen mit dem LKW in die Kaserne. Nach Abendessen, Stubendienst und eine halber Stunde Freizeit war um 21 Uhr Lichtschluss und Nachtruhe. Während wir schliefen, war die Nachtschicht im Einsatz, in der wir dann im Folgezyklus eingesetzt wurden. Diese schwere Arbeit wurde jedoch mit dem besten Lohn „ausgeglichen“, den man in der NVA überhaupt erhalten konnte: einmal im Monat ein Kurzurlaub von Freitag nach dem Dienst bis Montag zum Dienst, so dass ich am Samstag Morgen daheim ankam und erst wieder am Sonntag Abend in die Kaserne reisen musste. Zweiter Vorteil dieser Arbeit war, dass man während der 12-Stunden-Schicht keinen militärischen Vorgesetzten sah, denen war es in der „Glocke“ viel zu gefährlich.
Doch ich hielt diese verlockende Arbeit nicht durch, immer wieder bekam ich Ohrendrücken während der Ein- und Ausschleusung, insbesondere bei leichten Erkältungen, die auf Grund der klimatischen Verhältnisse (kühle feuchte Luft) zumindest meine ständigen Begleiter waren. Nach fünf Monaten bekam ich solche Kopf- und Ohrenschmerzen, dass nur noch der so genannte Medpunkt (Militärarzt) helfen konnte und mich von dieser Arbeit frei stellte.
Danach hieß es wieder Kabelgräben schachten. Auf Grund der schlechten Arbeitsorganisation waren jedoch viele Arbeiten in ihrem Nutzen ad absurdum geführt, so war es nicht nur einmal vorgekommen, dass ein Kabelgraben geschachtet und mit dem Kabel wieder zugeschüttet wurde. Kam die zivile Bauabnahme, wurde festgestellt, dass der Graben 3 Meter hätte versetzt gegraben werden müssen (Bauzeichnungen hatten nur die Vorgesetzten) und nun wurde das Kabel wieder ausgegraben und 3 Meter versetzt eingegraben. Die Motivation, die auch von den jeweiligen Aufgaben abhing, sank ins bodenlose. In Stasiberichten liest man von der organisierten „Arbeite- langsam-Bewegung“ der Bausoldaten. Mitnichten war diese von Bausoldaten organisiert!
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Gelände Jugendherberge Prora 2009.  © Sammlung DenkMALProra (links)
Gelände Jugendherberge Prora 2011.  © Sammlung DenkMALProra (rechts)

Wie ein Gefängnishof, der Strand verboten

Jede Bewegung im Gelände wurde nach Möglichkeit registriert und kontrolliert. Individuelle Spaziergänge von einem Ort zum anderen waren nicht gestattet. Meist ging es in Marschkolonne vorwärts, beispielsweise zum Speisesaal, der im Parterre des südlichen Abschnitts von Block V (fünf Lichthöfe von der heutigen Jugendherberge entfernt) lag. Zum „Tag der NVA“, um den 1. März herum, konnte dies auch mal mitsamt eines verordneten Volksliedes auf den Lippen befohlen werden:

„…Wenn ich mein Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken…“.

Sämtliche Zugänge in den Block führten einst über die kammartig vorgebauten Treppenhäuser. In diesen befanden sich mit Ausnahme von Block I gleichförmig angeordnete Waschräume mit den sog. Schweinetrögen aus den 1950er Jahren. Wenn wir uns im Folgenden die einzelnen Lichthöfe in ihrer Entwicklung anschauen, sei daran erinnert, wie seit den 1950er Jahren hier die Stimmen in den blauen Rügenhimmel hallten; es dröhnten die Schritte über den Beton und schrillten die Trillerpfeifen durch das Gelände. Der heutige Zeltplatz vor dem Gebäude war der Schwarzplatz, so genannt nach der ausgestreuten Kohlenschlacke, fein umgrenzt von kleinen Kiefern. Etwa dort, wo heute dieTischtennisplatte steht, befand sich eine kleine Tribüne. Zum Bataillonsappell am 1. März, dem alljährlich gefeierten Tag der NVA, standen hier die Herren Offiziere im preußischen Ornat, mit Abzeichen behangen.

Im Hof dahinter (Hof 8) ging es in den Militärischen Stab mit dem Baustab für den Hafenbau (künftig ein Teil des Bildungszentrums) hinein. Parterre führte eine Tür in den einzigen Laden in diesem Gelände – die Militärische Handelsorganisation (MHO):

Dort konnte man nachmittags, falls nicht auf der Baustelle, einkaufen – denn vormittags wenn es zweimal im Jahr Bananen, Melonen etc. gab, durften nur Offiziere einkaufen. Und so sah man wenigstens aus nächster Nähe Vitamine in Einkaufsnetzen, welche nach dem Mittag natürlich ausverkauft waren“, teilt der ehemalige Bausoldat Hendrik Liersch das Erleben seiner Zeitgenossen.
Zit. nach LIERSCH, Der Gewalt ausgesetzt, auch ohne Krieg, Virt. Museum Proraer Bausoldaten.
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Block V, südlicher Abschnitt, Hof 4, ehem. Speisesaal 1998  © Sonntag Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Block V, Hof 4, 2016  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Relikte Essenausgabe 1995  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ehemalige Küche 1995  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ehemalige Küche 1995  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Reste Abwaschraum 1998  © Sonntag Sammlung Proraer Bausoldaten
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Wandgemälde Parterre Block V  © Sammlung DenkMALProra
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Ehemaliger Speisesaal Block V, Hof 4  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ehemaliger Speisesaal für Vorgesetzte, Block V, 1995  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Regimentsstraße von Süd nach Nord 2018  © Sammlung DenkMALProra

Auf dem Weg an den einzelnen Lichthöfen vorbei sei auch daran gedacht, wie sich der ehemalige Bausoldat Thomas Brösing in seinem Buch „Bausoldat“ erinnerte, dass auf dieser einstigen Regiments- bzw. Objektstraße den Bausoldaten „die unterschiedlichsten Herrenmenschen in Uniform (begegneten) und ein jeder von ihnen konnte uns anhalten und zurückschicken. Gründe gab es immer, kein Gleichschritt, zu schnell, zu langsam, der Diensthabende hatte nicht richtig gegrüßt …“. Das entspricht etwa dem, wie es der Autor des Buches „Prinz von Prora“ erlebt hat, etwa, als er im März 1988 statt zu einer wichtigen Familienfeier fahren zu dürfen, auf der Regimentsstraße aufgeweichtes Papier aus den Pfützen zu „fischen“ hatte und dabei von vorübergehenden Offizieren angeschrieen wurde:

„Da wird einem so etwas an den Kopf geknallt, wie: ‚Treten Sie weg und putzen die Stiefel, sonst spiele ich mit Ihnen wilde Sau.‘ Dann hat man sich im Laufschritt weg zu bewegen.“ 
Zit. nach Stefan Wolter, Der Prinz von Prora, 4. Aufl. 2015, S. 268

Ein weitere Bausoldaten fasste seine Erlebnisse im „Virtuellen Museum Proraer Bausoldaten“ so zusammen:

„Ich erinnere mich an Hunderte Erniedrigungen, bin aber nicht mehr imstande, diese zu beschreiben, entweder weil ich sie verdrängt habe, oder aber weil sie so klein, in der Summe aber einfach zu groß waren.“
„Wer sich Gedanken über die Grenzen und Möglichkeiten von Zivilcourage in einer Diktatur oder zur Verhinderung totalitärer Versuchungen macht, der wird auch noch heute an den Bausoldaten und ihrer Geschichte nicht vorbeikommen“.
Vorwort zu: Bernd EISENFELD, Peter SCHICKETANZ: Bausoldaten in der DDR. Die „Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte“ in der NVA, 2011, S. 15

Historische Eindrücke vom Hafen Mukran

Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Mukran 1984  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Bausoldaten-Versorger-Mukran um 1985  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ehem. Versorger Mukran um 2000  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Eröffnung des Versorgers Mukran um 1983  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Eröffnung des Versorgers Mukran um 1983  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Vorgesetztenrunde im Versorger Mukran um 1985  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Oberst Aschendorff, Kommandeur des PiBB Mukran  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Tür im Bausoldaten-Speisesaal im Jahr 2012  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Zeitzeugensuche DenkMALProra  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Ehem. Bausoldatenversorger mit Ausstellung 2011  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Baustellenschild, Relikt 2001  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Strand Neu-Mukran zur Zeit des Hafenbaus 1983  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Strand Neu-Mukran zur Zeit des Hafenbaus 1983  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Renaturierter Strand 2016  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
An der Siebanlage Neu-Mukran 1987  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Hafenanlage 1986  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Hafenanlage 2011  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Fähranleger um 1985  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Fährbahnhof Mukran um 1986  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
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Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Abrechnungszettel eines Arbeitsgruppenführers  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Lieferschein 1987  © Stadtherr Wolter
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
 © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
 © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Landesverteidigungsobjekt Mukran  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Landesverteidigungsobjekt Mukran  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Modell Eisenbahnfähre  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Fähranleger um 1987  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Schiff „Mukran“ 1986  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Schiffstaufe  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Um 1986  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Pipeline für NordStream 2 im Jahr 2019  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Unter Denkmalschutz gestellter Wachturm Mukran  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Wachturm Mukran 2019  © Sammlung DenkMALProra
Pionierbaubataillon Mukran mit Bausoldaten | DenkMALProra
Wachturm Mukran 2019  © Sammlung DenkMALProra